Das CJD - Die Chancengeber CJD Projekt Chance

Landrat Pauli und Schulleiter wollen Projekt publik machen

 

Jugendliche aus dem Projekt Chance warnen Schüler vor falschen Wegen

Prävention: Zwei Jugendliche aus dem offenen Strafvollzug machen Schülern einer achten Klasse klar: „Geht nicht unsere Wege!“ Landrat Pauli will für das Projekt Chance werben. Von Pascal Tonnemacher

 

Balingen (pt) Selten hat eine Doppelstunde Deutsch Schülern so bei Schülern so viel Eindruck bei Schülern hinterlassen. Zwei junge Häftlinge besuchten die achten Klassen der Realschule Frommern. Dieser Schulbesuch ist Teil des Präventionskonzeptes des Schulverbundes. Ein Trainer des Projekts Chance moderierte die beiden Stunden. Die Schule unterstreicht mit dieser Aktion ihr Leitbild, wonach die Schüler respektvoll und gewaltfrei miteinander umgehen und Lebenskompetenzen entwickeln sollen.

Häftlinge finden direkten Zugang

Das zu vermitteln, gelang den beiden Jugendlichen aus dem Projekt besser als den meisten Lehrkräften. Das war das Fazit. Sie fanden einen direkten Zugang zu den Schülern – ganz ohne Gruselgeschichten aus dem Knast. Hängen geblieben ist vor allem die Botschaft: „Macht etwas aus eurem Leben und lernt. Geht nicht unseren Weg, es geht auch anders. Ihr werdet es sonst bitter bereuen – so wie wir.“

Beim Projekt Chance durchlaufen die Häftlinge einen Jugendstrafvollzug in freien Formen mit klarem Tagesablauf und persönlichkeitsförderndem Programm. Sie müssen Verantwortung übernehmen und zum Beispiel Streit zwischen Insassen eigenverantwortlich klären. Die Jugendlichen berichten den Schülern von Stufen, in die sie aufsteigen können und die ihnen Privilegien verschaffen wie Musikanlagen oder Handynutzung.

Die Häftlinge haben sich selbst Grundnormen gegeben, die in Stein gemeißelt und in der Wand eingelassen sind. An diese Spielregeln halten sie sich auch: Sie haben Respekt vor anderen und sich selbst, bringen sich aktiv ein und achten fremdes Eigentum.

Der Trainer des Projekts münzte das auf die Schüler um und appellierte: „Motiviert euch gegenseitig, helft euch und macht eure Hausaufgaben.“ Das könnten sie sich von den Häftlingen, die es besser machen wollen, abschauen. Die Einsicht zur Besserung sollen die Schüler gar nicht bekommen müssen.

Die Jugendlichen aus dem Projekt Chance erzählten von ihren Wendepunkten, an denen ihnen klar wurde, dass sie etwas ändern müssen. Sie sahen die Trauer und Enttäuschung ihrer Eltern. Der sonst allwissende Vater wird plötzlich still.

An den ersten beiden Tagen in Haft habe man sehr viel Zeit nachzudenken. Sie seien die Hölle, erzählt einer. Das gehe an die Substanz.

Nach der Tat erst über die Folgen nachzudenken sei aber zu spät. Der Preis des Freiheitsentzugs, den die beiden für ihre Taten zahlen mussten, sei weitaus höher, als der der Schuhe oder des Kaugummis, die man im Affekt klaue.

Das Projekt weiterverbreiten

Schulleiter Martin Kettner will seine Schule nicht als Leuchtturm sehen, sondern andere von diesem Präventionsgedanken, wie er auch im neuen Bildungsplan der Landesregierung verankert sei, anstecken.

Dabei kann er auf weitere Unterstützung bauen. Landrat Günther-Martin Pauli war ergriffen und begeistert vom Projekt Chance. Er will künftig dafür werben: vor allem bei den Berufsschulen, im kriminalpräventiven Rat und bei den Bürgermeistern im Landkreis.

Botschaft vom respektvollen Umgang

„Die vielschichtigen Botschaften vom respektvollen Umgang bis zur Gleichheit aller Menschen, sollten verbreitet werden – in weiteren Schulen und außerhalb der Klassen,“ sagte der Landrat. Deshalb suche er auch  den Kontakt zum Kultusministerium und Landtagsabgeordneten.

Die stellvertretende Schulleiterin Sandra Ade-Heiner möchte die Attraktivität des Projekts nach außen spiegeln und streuen; das Projekt aber an ihrer Schule behalten.

 

Bereits seit drei Jahren besuchen Häftlinge vom Projekt Chance die Achtklässler der Realschule Frommern. Der Schulverbund will damit wichtige Präventionsarbeit leisten.

Schüler lernen von Jugendlichen im Projekt Chance

 

 

Projekt Chance: Vom Knasti zum Schülercoach

„Seit der achten Klasse habe ich keine Schule mehr besucht. Jetzt habe ich alles darangesetzt, einen guten Schulabschluss zu erreichen, “ erzählte einer der beiden Jugendlichen aus dem Projekt Chance im Kloster Frauental, bei einem Besuch einer Realschulklasse in Baden Württemberg. Beide wurden anfangs müde belächelt, bis sie von ihrer eigenen Geschichte erzählten. „Ihr macht das nicht für die Lehrer, sondern für euch selbst. Dass musste ich am eigenen Leib erfahren, “ ermahnte der Absolvent des Projekts weiter. Meist sind die Gründe junger Menschen auf die „schiefe Bahn“ zu geraten sehr ähnlich.

Fehlende Zeit und Zuwendung von Seiten der Eltern, Kinder müssen in der schnelllebigen Zeit in der Schule oder zu Hause funktionieren, soziale Isolation durch immer mehr Kommunikation über moderne Medien, um nur einige der Parallelen zu nennen.

 „Seit einiger Zeit bringe ich Jugendliche aus dem Projekt Chance an Schulen, die die Grundlagen des gruppenpädagogischen Intensivtrainings aus dem Kloster Frauental als Präventionsmaßnahme gegen Sucht und Gewalt an ihren Einrichtungen integrieren wollen, der Trainer aus dem  Projekt Chance. Schüler hören eher auf Ihresgleichen als auf Erwachsene, lautet die Devise des Frauentaler Konzepts. „Ich für meinen Teil zeige meinen Schülern ehrliches Interesse, indem ich ihnen in einer ruhigen Minute kurze Fragen stelle, „Zuhören statt permanente Belehrung bewirkt Wunder, “ erzählt der Trainer weiter.

Der zweite Fachtag im Kloster Frauental in Creglingen motivierte Lehrkräfte und Sozialarbeiter im Aufbau einer positiven Jugendkultur, wie sie im offenen Strafvollzug des CJD Creglingen gelebt wird. Schuleiter und Pädagogen aus Schulen Baden-Württembergs haben verstanden, wie wichtig die gegenseitige Wertschätzung zwischen Lehrern und Schülern ist, um Vertrauen zu schaffen. Eine Grundvoraussetzung, um für und mit Schülern arbeiten zu können.

Bei einem Zeltlager des Schulverbundes Frommern in Creglingen verbrachten Schülerinnen und Schüler Zeit, um mit Jugendlichen aus dem Projekt Fußball zu spielen und ihnen beim Stockbrotgrillen Fragen zu ihrer Vergangenheit und dem gegenwärtigen Training im Projekt  zu stellen. „Können wir nicht in unseren Ferien wiederkommen?“ fragte eine 14-jährige Schülerin sichtlich beeindruckt von dem Erlebten. Während einer Führung durch die Räumlichkeiten des Klosters erfuhren die Kinder viel über den strikt getackteten Alltag der jungen Männer. Selbstverständlichkeiten wie Fernsehen und Einzelzimmer oder gar Handynutzung sind Privilegien, die verdient werden müssen. Ein Stufensystem ermöglicht bei wachsenden sozialen Kompetenzen des Einzelnen immer mehr Freiheiten. Während zwei Gruppenmeetings täglich, werden positive und problematische Situationen reflektiert. Die selbstständige und eigenverantwortliche Lösungsorientiertheit der Jugendlichen untereinander steht hier im Vordergrund. Pädagogen übernehmen lediglich eine begleitende Funktion.

Das Fazit für einen teilnehmenden Schulverbund Baden-Württembergs spiegelt sich in der Planung des neuen Schuljahres wieder. Einerseits soll die Verantwortung für Hausaufgaben, Klassendienste und alle Aufgaben der Klasse weitestgehend den Schülern überlassen werden, anderseits sind Lehrkräfte als vertrauenswürdige Vorbilder gefordert, auf die positive Gruppendynamik ihrer Sprösslinge zu vertrauen und sie auch bei Misserfolgen weiterhin positiv mit erzielten Erfolgen zu motivieren. Hier gilt es für begleitende Erwachsene nicht die Fehler, sondern die Fähigkeiten des jungen Menschen hervorzuheben und zu fördern. „Ich glaube meinen Schülern ist während des Camps in Creglingen bewusstgeworden, wie vieles in ihrem Lebensalltag selbstverständlich ist, erzählt eine Klassenlehrerin nach einer Freizeit mit Jugendlichen aus dem Projekt Chance.

Ein Absolvent des Projekt Chance wird seinen künftigen Weg in der neu gewonnenen Freiheit wenige Kilometer entfernt von einer teilnehmenden Realschule beginnen. „Es hat mir wirklich Freude gemacht, zu erkennen, dass sich der Schüler der achten Klasse, der mich am wenigsten für voll genommen hatte, in einem persönlichen Gespräch über mein eigenes früheres Leben, wiederfinden konnte. Als er meine Geschichte gehört hatte, wurde er ganz ruhig und konnte mir mit Achtung entgegentreten, “ beschreibt der 20-jährige Ex-Knacki und künftiger Schülercoach. Jugendliche einer ähnlichen Generation sind ähnlichen Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft ausgesetzt und beißen sich entweder durch oder rebellieren. Gleich welcher Weg genommen wird, wollen Jugendliche irgendwo dazugehören auch wenn es die falsche Gesinnung ist. Haben Kinder innerhalb ihres familiären sozialen Umfeldes nicht die nötige Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren, wird es für Heranwachsende schwierig, den Ansprüchen der heutigen Zeit gerecht zu werden. Sie glauben nicht an sich und ihren eigenen Wert. Ähnlich wie in Selbsthilfegruppen, stellen Jugendliche unter Gleichgestellten, wie Klassen oder Altersgruppen, fest: „Ich stehe mit meinem Problem nicht alleine da“, so die Jungs im offen Strafvollzug im Kloster Frauental.                                                                                                               Text u. Foto: Ute Lang

Zweiter Fachtag „Positive Jugendkultur & Schule“

Projekt Chance als Vorbild für fünf Schulen Baden Württembergs

Das Creglinger Projekt Chance veranstaltete den zweiten Fachtag zum Thema „Positive Peer Culture (PPC).“ Fünf Schulen Baden Württembergs arbeiten mit Elementen aus PPC präventiv gegen Sucht und Gewalt in ihren Einrichtungen.

Ziel des Tages war es, das Präventionskonzept stark.stärker.WIR an Schulen in Baden Württemberg mit dem methodischen Ansatz der Positive Peer Culture (PPC) zu verbinden und zu erweitern. Das Projekt Chance in Creglingen arbeitet seit 2003 mit diesem Ansatz, der mittlerweile durch das Frauentaler Vorbild auch in der JVA Adelsheim praktiziert wird.

„Ich freue mich, dass Sie von uns lernen wollen“, begrüßte Michael, ein Jugendlicher im Projekt Chance gemeinsam mit Herrn Georg Horneber, (Leiter des Hauses) mehr als 50 Gäste zum zweiten Fachtag mit dem Thema „Positive Peer Culture (PPC) und Schule“ im Kloster Frauental.

Der vom Regierungspräsidium Stuttgart gestaltete Tag, richtete sich in erster Linie an Schulen aus Frommern, Künzelsau, Gaildorf, Crailsheim und Ellwangen. Neben den genannten Schulen waren weitere interessierte Schulen, Präventionsbeauftragte des Regierungspräsidiums Stuttgart und Sozialarbeiter eingeladen. Durch Foren und Vorträge mit Prof. Dr. Opp, (Universität Halle) der PPC aus den USA auf deutsche Verhältnisse übertrug und Angela von Manteuffel, zuständig für Fortbildung im  CJD Creglingen, wurden die Teilnehmenden für ihren weiteren Weg geschult. 

Motiviert durch frühere Infotage an Schulen mit dem Präventionsbeauftragten Gerd Frick vom Regierungspräsidium Stuttgart begleitet von Jugendlichen aus dem Projekt Chance, begannen die fünf Schulen das pädagogische Konzept aus dem Kloster Frauental in ihren Einrichtungen umzusetzen. Ganz nach dem Motto – „Wenn es mit  Jugendlichen aus dem offenen Strafvollzug gelingt, dann wohl auch mit unseren Schülern“.

Das Präventionskonzept des Landes stark.stärker.WIR. trägt mehr und mehr Frucht

„Michaels Bericht auf einem Infotag im Schulverbund Frommern über sein Leben und seine jetzige Perspektive durch das Training im CJD Creglingen, hat unsere Schülerinnen und Schüler so tief beeindruckt, dass wir unseren Kindern und Jugendlichen diese pädagogische Grundhaltung nicht vorenthalten wollten, berichtete die stellvertretende Schulleiterin Ade- Heiner des Schulverbundes Frommern. „Ein neues Ziel für unsere Zukunft wäre, Michael als Absolventen des Projekt Chance an unsere Schule zu holen, um von seinen Erfahrungen aus der Zeit im Projekt zu profitieren.“

Pädagogen waren sich einig

Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Präventionsbeauftragte stimmten der Aussage Opps zu, der in seinem Vortrag auf die Notwendigkeit hinwies: „Nicht die Schüler müssen verändert werden, sondern zuerst einmal müssen wir Erwachsenen an unserer pädagogischen Grundhaltung arbeiten.“ Das Vertrauen in unsere Jugend, innerhalb ihrer Klassenverbände (Peergroups), selbständig Lösungen für Probleme ihrer Generation finden zu können, sei Voraussetzung für das Gelingen einer positiven Gruppenkultur. Erst dann könne damit begonnen werden, die jungen Menschen durch pädagogische Unterstützung auf ihrem gruppendynamischen Weg zu begleiten.

Zudem basiere das Konzept u. a. auf dem Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit: „Nur wer sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt und das Privileg der Mitsprache und Mitbestimmung erhält, wird Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft übernehmen,“ betonte Angela von Manteuffel. In ihrem Vortrag erklärte sie den „Circle of Courage“ als Teil von PPC, der  besonderes Augenmerk auf Grundbedürfnisse legt. Die Erkenntnis darüber, was Kinder und Jugendliche brauchen, sind lange bekannt. Trotz kultureller Unterschiede, gibt es universelle menschliche Werte und Bedürfnisse, die auch PPC in den Mittelpunkt stellt: der Wunsch nach Anerkennung, Respekt und der Zugehörigkeit mit gleichzeitiger Entwicklung einer unabhängigen Persönlichkeit, lassen den Menschen in seinen sozialen Kompetenzen und seinen individuellen Fähigkeiten wachsen. Das Konzept PPC ist eine Alternative zur strafenden, aber auch zu „Weichspülpädagogik“. Innerhalb klaren Grenzen liegt der Fokus nicht auf den Schwächen, sondern auf den Stärken der Jugendlichen. Jeder Einzelne soll sich seiner Stärken bewusst werden und sie zum Wohle anderer einsetzen. Offene Kritik wie auch Lob und als Konsequenz die gemeinsame Lösungsorientierung werden im Alltag großgeschrieben. Dass der Aufbau einer positiven Gruppenkultur auch mit „schwierigen Jugendlichen“ gelingen kann, zeigt das Projekt Chance seit mehr als 15 Jahren.

Wunsch auf Unterstützung

Sucht – und Gewaltprävention sowie der Aufbau einer positiven Gruppenkultur sollte das Ziel aller pädagogischen Einrichtungen in Baden-Württemberg werden. „Wir als Lehrkräfte engagieren uns in unserer Freizeit gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern, um mit Hilfe von PPC in die Gesellschaft von morgen zu investieren. Der Schulverbund Frommern sucht aktuell Unterstützung bei Verantwortlichen, um diese Ziele zu realisieren.

Der Fachtag „Positive Peer Culture und Schule“ endete mit einer Hausführung, geleitet von einem Jugendlichen. Sichtlich beeindruckt, machten sich die Gäste mit neuen Anregungen im Gepäck auf den Weg, weiter an ihren  eigenen Projekten zu arbeiten.        Text und Foto: Ute Lang


Über das „Projekt Chance“ - Modellprojekt für Jugendstrafvollzug in freien Formen

Das Projekt Chance wendet sich an junge „Mehrfach- und Intensivtäter“ im Alter von 14 bis 21 Jahren, die erstmals zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden. Statt Inhaftierung in einer Justizvollzugsanstalt absolvieren die Jugendlichen ein speziell für sie konzipiertes und zeitlich befristetes Training.

Das Training forciert konsequent die Verantwortungsübernahme des einzelnen Jugendlichen für sein Reden und Tun, seine Zuverlässigkeit, sein Durchhalte-vermögen, seine Anstrengungsbereitschaft und sein Engagement in der Gruppe. Begleitet durch ein konsequentes Team von Pädagogen machen die Jugendlichen neue Erfahrungen mit der Gruppe der Gleichaltrigen, mit herausfordernden Aufgaben sowie mit ihrer eigenen Handlungs- und Leistungsfähigkeit. Das Ziel von Projekt Chance ist die gelingende Reintegration der Jugendlichen in die Gesellschaft.

Projekt Chance im CJD Creglingen arbeitet nach § 7 des JVollzGB IV BW und wird durchgeführt im Auftrag des Projekt Chance e.V., finanziert durch das Justizministerium Baden-Württemberg.

Infos unter: www.cjd-creglingen.de

 

 

Projekt Chance als pädagogisches Vorbild für Präventionsarbeit an Schulen

Projekt Chance des CJD Creglingen als gelebtes pädagogisches Beispiel für Präventionsarbeit an Schulen

Investition in die Jugend heute stärkt Gesellschaft von morgen  

Junge Pädagogen und Sozialarbeiter informierten sich im Landratsamt Aalen über das Zusammenleben im „Projekts Chance – Jugendstrafvollzug in freier Form" im Creglinger Kloster Frauental.

„Unserer Jungs waren auf der Straße aber wir bieten ihnen Beziehung, ein Grundbedürfnis, das heute nicht mehr selbstverständlich ist," so Gerd Frick, in seinen Funktionen als Präventionsbeauftragter des Regierungspräsidiums Stuttgart, Sportlehrer der Jugendlichen im Projekt Chance und Trainer für das pädagogische Konzept "Positive Peer Culture".

Positive Jugendkultur des „Projekt Chance"

Zweimal täglich treffen sich die jungen Männer, um sich mit möglichen Ungereimtheiten zu konfrontieren und so für die Einhaltung der erarbeiteten Regeln einzustehen. Dabei bildet die positive Haltung geprägt von Respekt, gegenseitiger Wertschätzung aber klar gesteckten Grenzen den Rahmen. „Zur Begrüßung am Morgen geben wir uns die Hand", erklärte ein Jugendlicher einer neuen Mitarbeiterin des Projekts die Grundregeln. Es gibt klare Hierarchien, die zu respektieren sind, jedoch wird gegenseitige Achtung zwischen Leitung und Jugend groß geschrieben. Grundlage dafür ist das pädagogische Konzept „Positive Peer Culture" (positive Jugendkultur), das im Projekt bereits seit 2003 praktiziert und gelebt wird.

Dabei steht eine fördernde Kultur des Zusammenlebens in der Gruppe von Gleichgestellten (Peer Group) im Vordergrund. Pädagogen stehen nur beratend und hilfsbereit zur Seite. Nach langjähriger Erfahrung mit straffälligen Jugendlichen, startete die JVA Adelsheim ein Projekt zur Übernahme des pädagogischen Leitkonzepts, begleitet von Mitarbeitenden des Projekts Chance.

Neue Herausforderung für Schulen

Hier setzt eine neue Herausforderung im Rahmen der Sucht- und Gewaltprävention an allen pädagogischen Einrichtungen vom Kindergarten bis in die Schulen ein. Der Aufbau einer positiven Jugendkultur unter Kinder und Jugendlichen in Kindergärten und Schulen kann in Problemsituationen die Basis zur Verhinderung von Gewalt, Sucht und Mobbing sein.

Auf die Frage, wieso sollten sich „strafgefangene Jugendliche auf ein solches „Spießerleben" einlassen wollen, erklärte Frick aus seiner langjährigen Erfahrung heraus: „Die Antwort liegt in den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Jeder möchte "dazu gehören". Junge Menschen brauchen Bestätigung in eigenen Kompetenzen und wollen respektiert werden. Unter diesen Voraussetzungen sind sie bereit, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen."

Im Rahmen des Projekts Chance gehört es auch dazu, sich durch eigenes Engagement für erstrebenswerte Privilegien einzusetzen. Ein Einzel- statt ein Doppelzimmer oder ein eigener Fernseher gehören nicht zu den Selbstverständlichkeiten und müssen „verdient" werden. Ein

Stufensystem vom "Neuling" mit null Privilegien bis zum "Tutoren" mit dem Recht auf Freigang und Heimatbesuchen innerhalb dessen man sich weiter hoch arbeiten kann, setzt Vertrauen in die jungen Menschen voraus. Tutoren leiten Neulinge an, sich der Herausforderung des Projekts zu stellen.

Jugendliche brauchen Herausforderungen

Die gemeinsame Renovierung und Umgestaltung des Klosters Frauental als Lebens-, und Arbeitsraum sowie Hausdienste bestimmen den Alltag. Die Jugendlichen haben im Rahmen von Gremien umfassende Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Zudem können sie sich im Schreiner-, Maurer- und Malerhandwerk üben und haben die Option einen staatlich anerkannten Schulabschluss in der Hälfte der Regelschulzeit zu erreichen. Ihr tägliches Pensum beginnt um 6:00 Uhr am Morgen mit Joggen und endet abends um 20:00 Uhr mit den häuslichen Diensten. Ein echtes Trainingsprogramm für das Leben in Freiheit.

 Vernetzung von Präventionsmaßnahmen

Als Antwort auf die Amokläufe von Winnenden und Wendlingen rief das Land Baden- Württemberg das Präventionskonzept für Schulen stark.stärker.WIR. ins Leben, mit den Schwerpunkten Sucht- und Gewaltprävention sowie Gesundheitsförderung. Gerd Frick,und Dieter Hahn als Präventionsbeauftragte des Regierungspräsidiums Stuttgart setzten sich gemeinsam für eine Vernetzung der Präventionsaufgaben landkreisübergreifend ein.

In Kooperation mit dem Projekt Chance wird Gerd Frick auf seinen Infotagen nicht selten von einem ehemaligen Absolventen des CJD begleitet. Der Bericht eines ehemaligen Sträflings sorgt innerhalb von Klassenverbänden für Erstaunen, wie schnell es gehen kann, verleitet von Alkohol und Drogen auf die schiefe Bahn zu geraten.

„Ich war beeindruckt von der positiven Atmosphäre des Zusammenlebens im Projekt, schilderte Dieter Hahn, Gymnasiallehrer seinen Eindruck bei einem früheren Besuch im Projekt Chance im Kloster Frauental." Sobald auch nur einer da ist, der an mich glaubt, gibt es eine Chance", bemerkte Dieter Hahn aus eigener Erfahrung als Pädagoge, genau das brauchen Jugendliche heute an unseren Schulen.

Auch Andreas Schumschal, der in seiner Funktion als Kommunaler Suchtbeauftragter im Landkreis Ostalb aktiv ist, tritt als Berater für eine positive Lebenskultur mit seinen Trainingsangeboten bei den Jüngsten in den Kindergärten ein.

Gemeinsam sind sie auf dem Weg, Leiter pädagogischer Einrichtungen zu motivieren, eigenständig aktiv zu werden und die Angebote von Coachings und Fortbildungen auf diesem Gebiet zu nutzen.

Die Teilnehmenden des Infotages konnten durch den Erfahrungsbericht am Beispiel des "Projekts Chance" des CJD Creglingen einige Anregungen und mögliche Fortbildungsangebote für eine positive Jugendkultur vor Ort mit nach Hause nehmen. Zudem dürfen Schulen und andere pädagogische Einrichtungen auf direkte Hilfe von Seiten der Präventionsbeauftragten hoffen.

Information und Angebote: unter www.cjd-creglingen.de finden sie Fortbildungsangebote für Positive Peer Culture (PPC) von der Theorie zur Praxis an den interessierten pädagogischen Einrichtungen vor Ort.