Das CJD - Die Chancengeber CJD Projekt Chance

Vater der positiven Jugendkultur im Projekt Chance

13.12.2017 CJD Projekt Chance « zur Übersicht

Wir schauen nicht auf die Vorgeschichte

Dr. Larry Brendtro, Ph. D. in Pädagogik und Psychologie (USA) und Miturheber des pädagogischen Konzepts der Positiven Jugendkultur, „Positive Peer Culture“ (PPC), präsentierte vergangene Woche ausgewählte Aspekte aus seinem reichen Erfahrungsschatz im Kloster Frauental.

Frauental (ul) „Ich wünsche mir für sie, dass die Worte Brendtros nicht nur wertvoll für sie sind, sondern auch ins Herz gehen“, begrüßte Georg Horneber (Leiter des Projekt Chance) die versammelten Gäste.“ „Nicht ein System verändert Menschen, sondern Menschen verändern Mitmenschen," betonte Brendtro vor mehr als 50 Anwesende aus der JVA Adelsheim sowie Vertretern verschiedener pädagogischer Einrichtungen und Institutionen aus ganz Deutschland, die das Konzept der positiven Gruppenkultur bereits anwenden oder es künftig in ihre Arbeit integrieren wollen.

Während seiner langjährigen Tätigkeit im „Starr Commonwealth“ Michigan – USA, einer Einrichtung, die international als führend in Transformationsprogrammen zum Heilwerden für Kinder, Familien, Schulen und Gemeinden anerkannt ist, machte er die grundlegende Erfahrung: „Zuerst müssen sich die Mitarbeiter einer Einrichtung einig sein und jeden jungen Menschen respektieren, um Kindern und Jugendlichen Sicherheit zu geben. Dies ist das erste Grundbedürfnis eines jeden Menschen, welches ermöglicht, eigenverantwortlich für sich und andere zu handeln. „Wenn das System den jungen Menschen nicht unterstützt, reagiert er mit negativem Verhalten." gibt der mittlerweile 77-Jährige allen Pädagogen aus Kindergärten über Schulen und Universitäten mit auf den Weg.

„Gehorsam durch Einsicht“

PPC heißt helfen und Hilfe bekommen. Das „Forschungsobjekt Wäscheklammer“ des Max Planck-Institutes Leipzig mit 18 Monate alten Kleinkindern bestätige das Hilfebedürfnis dieser Altersgruppe. Felix Warneken und Michael Tomasello fanden heraus, dass bereits 18 Monate alte Kinder auch fremden Personen bereitwillig zur Hand gehen wenn ihnen ausversehen eine Wäscheklammer herunter fällt. "Dieser Befund war deshalb so erstaunlich, weil die Kinder sehr klein sind. Sie stecken noch in den Windeln und fangen gerade erst an zu sprechen, aber sie erkennen schon, wie sie jemandem helfen können", beschreibt Felix Warnekenin  seine Studie. Würde man in der Erziehungsarbeit und in der Pädagogik dieses Grundbedürfnis des Helfens zu Grunde legen, sollte der Hauptfokus nicht auf dem Gehorsam, sondern auf Einsicht liegen. Erwachsene sollten dahingehend ausgebildet werden, riet der erfahren Psychologe. Die Pädagogik der letzten Jahrhunderte sei geprägt gewesen von `negativer Psychologie`. In jedem Menschen läge jedoch etwas Großartiges. Das Hauptaugenmerk auf Fehlverhalten solle von Beginn an ersetzt werden durch die Suche nach den Stärken eines jungen Menschen. Jugendliche, die besonders respektlos sind, sollte man besonderen Respekt entgegenbringen, ganz nach dem Motto, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten,“ so Brendtro weiter.

„Jugendliche aus JVA Projekt ziehen Bilanz“

Das Grundbedürfnis nach Sicherheit bestätigte ein junger Mann aus JVA Adelsheim, der das seit 2015 bestehende PPC Projekt im geschlossenen Strafvollzug nutzt. „Ich habe meine Einstellung im Umgang mit Menschen völlig geändert. Ich würde nie wieder jemanden auf den ersten Eindruck verurteilen,“ beschrieb der 20-Jährige seinen gewonnenen Respekt eines Jeden gegenüber.“  Früher haben sich die Jungs im Knast gegenseitig angestachelt und es gab immer wieder Schlägereien und Erpressungen. „Seit ich im Projekt der JVA bin, gab es nichts dergleichen mehr," erzählte ein anderer junger Mann aus der JVA.

„Ich fühle mich im Projekt sicher und kann mich deshalb viel konzentrierter auf meinen Schulabschluss vorbereiten und auf die Gruppe einlassen.“ Die beiden Männer wurden begleitet von zwei pädagogischen Mitarbeiterinnen und einem Vollzugsbeamten. Sie bekräftigen mit ihren Erfahrungen den Aspekt Brendtros, die Sicherheit und Respekt als Basis für eine positive Gruppenkultur. „Wir schauen nicht auf die Akte der Jugendlichen, um nur den Menschen zu sehen, der vor uns steht“, erzählt eine der erfahrenen Pädagoginnen. „Durch die wertschätzende Grundhaltung eines jeden Menschen gegenüber, egal ob Straftäter oder nicht, könne jeder Jugendliche heil werden, auch wenn seine Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Beziehung in der Vergangenheit gefehlt haben,“ erklärte Brendtro aus seinem reichen Erfahrungsschatz. 

Authentizität und Verantwortungsübernahme Erwachsener unabdingbar

Das pädagogische Team des Frauentaler Projekt Chance betonten eine gute Teamkultur als essentiell. Dabei sei die eigene Authentizität und die Verantwortungsübernahme des Teams Voraussetzung für gelungene Arbeit.  „Ist das Gegenteil der Fall, legen die Jugendlichen „schlechtes Verhalten aus gutem Grund“ an den Tag, nach der Grunddevise: `Die interessieren sich ja nicht wirklich für mich, sondern machen nur ihren Job," erzählte die Pädagogische Leiterin im Projekt Chance. Bei jedem Fehlverhalten von Seiten der Jungs gelte es, die fehlenden Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten stecken, zu reflektieren. Gleiches gelte im Mitarbeiterteam.

„Jugendliche mit besonders schwierigem Verhalten sind oft die, welche die Gruppe voranbringen,” ist eine von Brendtros zentralen Erkenntnissen aus seiner Arbeit. „Zu sehen, was Jugendliche zu leisten in der Lage sind, kann jeden Gegner von  PPC dafür gewinnen. Motivieren sie ihr Team, dass es sich lohnt denn in jedem jungen Menschen steckt etwas Starkes, das es zu entdecken gilt, “ so Brendtro mit abschließenden Worten.                          

Text und Fotos: Ute Lang