Das CJD - Die Chancengeber CJD Projekt Chance

Vom Sammler zum Tutor

20.03.2019 CJD Projekt Chance « zur Übersicht

Alle mitnehmen und niemanden zurücklassen, das ist das Ziel des 2003 begonnenen „Projekt Chance“ im ehemaligen Kloster Frauental. Jugendliche Straftäter im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die zu einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren verurteilt wurden, bekommen hier die Möglichkeit, ihr Leben neu zu ordnen. MdL Hermino Katzenstein zeigte sich bei seinem Besuch beeindruckt von diesem Konzept zur (Re)Sozialisierung.

Begrüßt wurden Hermino Katzenstein und die Kreisvorstandsmitglieder der Grünen Dietrich Grebbin, Rainer Moritz und Thomas Tuschhoff vom scheidenden Leiter Georg Horneber und seinem Nachfolger Frank Greubel. Während ihres durchschnittlich acht bis zwölf Monate dauernden Aufenthaltes renovieren die Jugendlichen das Kloster, berichtete Georg Horneber. Bei ihrer Arbeit auf dem Bau erwerben sie Fähigkeiten in verschiedenen Handwerksberufen wie Maurer, Fliesenleger oder Schreiner. Zudem sei es möglich, im Anschluss an das Projekt Berufsausbildungen etwa im Einzelhandel oder in der Altenpflege zu absolvieren. In der eigenen berufsvorbereitenden Schule erwerben sie einen Schulabschluss, der dem Hauptschulabschluss gleichgestellt ist.

Das Leben im Projekt Chance ist für die Beteiligten eine echte Herausforderung, berichtete der Teilnehmer Michael[1], der die Besuchergruppe durch das Kloster führte und ihr das Leben darin schilderte. Aufstehen ist um 05:30 Uhr. Um 06:05 Uhr werde vier Kilometer gejoggt. Gefordert werde absolute Pünktlichkeit. Wer auch nur eine Sekunde zu spät komme, müsse am Wochenende sechs Kilometer zusätzlich joggen. Nach dem Duschen gehe es um 07:05 Uhr zum Frühstück. Das Tagesprogramm gehe bis 20 Uhr.

In den ersten 10 Wochen des Aufenthaltes müsse jeder Jugendliche zunächst einmal 2 Raummeter Holz machen. „Das ist ziemlich hart“, fand Michael. Es gebe weder Fernsehen, noch Musikanlagen, noch Handy, noch Alkohol oder gar Drogen. Man sehe sich nur die Tagesschau an, um über das Weltgeschehen informiert zu sein. „Das Gelände zu verlassen wird als Fluchtversuch gewertet“, so Frank Greubel. Alle Privilegien wie Fernsehen sowie der Aufstieg in eine höhere Gruppe müssten sich die Teilnehmer mit Hilfe eines ausgefeilten Punktesystems erst verdienen. Unterschieden werde zwischen den Gruppen „Sammler, Kandidaten A, Kandidaten B und Tutoren. Letztere kümmerten sich persönlich um die Neuankömmlinge.

Jeder Teilnehmer könne eine Steinmetzarbeit hinterlassen. Michael hat sich dafür entschieden, einen Gebetsraum zu gestalten, ein Raum der Stille und Besinnung für alle Religionen. Um diesen Raum herrichten zu können muss allerdings noch das Fenster erneuert werden. MdL Katzenstein versprach, sich beim Bürgermeister dafür einzusetzen.

Die im Projekt Chance praktizierte freie Form des Jugendstrafvollzugs gibt es laut Frank Greubel nur in Baden-Württemberg, Brandenburg und Sachsen. Es handelt sich um ein zukunftsorientiertes Konzept, das Mut machen soll nach vorn zu blicken und das eigene Leben in die Hand zu nehmen. In Bayern dominiere dagegen das Strafkonzept. Ihn habe am Projekt Chance überzeugt, dass zum Tag der offenen Türe immer wieder ehemalige Teilnehmer mit ihren Familien kämen, um stolz vorzuführen, was sie im Kloster Frauental geschaffen haben.

In der Diskussion beantwortete Georg Horneber auch kritische Fragen der Besuchergruppe. Jährlich gebe es circa fünf bis sieben Abbrüche. Die Rückfallquote liege nach neuen Untersuchungen im Projekt Chance bei 60% gegenüber 75% bis 80% im üblichen Jugendstrafvollzug. Nicht geklärt werden konnte, ob es sich bei diesen Rückfällen nur um einmalige Ausrutscher oder um eine kriminelle Karriere handle.

Das Projekt Chance lädt die Bevölkerung jährlich am Tag des offenen Denkmals zu einer Besichtigung ein. Dieser ist im Jahr 2019 am 8. September. Hermino Katzenstein wünschte Michael zum Abschied, dass er seine persönliche Chance im Projekt Chance auch nutzen wird und bedankte sich bei ihm für die interessante Führung.

 

[1] Name geändert